Ausflug in die Zukunft der Arbeitswelt II: Wie cool kann eine Bank sein?

Der Eingangsbereich des easyCredit Hauses in Nürnberg

Wenn Ihr einen richtig modernen Arbeitsplatz finden wollt, würdet Ihr den bei einer Bank suchen? Fitnessgeräte, Themenlounges, ein Mini-Cabrio mit Spielkonsole und stylische Kaffeeküchen vermuten wir doch eher bei hippen Start-Ups aus der IT-Branchen aber doch nicht im Finanzsektor – oder?

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Eine der Malls in der easy Credit Arbeitswelt

Dieser Meinung war ich bis vor kurzem auch, doch ich wurde eines Besseren belehrt. Immer auf der Suche nach Arbeitswelten für die Zukunft, bin ich diesmal ganz in meiner Nähe fündig geworden. Im easyCredit-Haus der TeamBank , einem Nürnberger Traditionsunternehmen mit über 60 jähriger Geschichte.

Schon die Lobby, in der ich auf meine beiden Gesprächspartnerinnen warte, hat nichts von dem angestaubten und meist auch etwas steifen Ambiente, das ich von anderen Bankzentralen kenne. Keine kalten Marmorwände mit Wasserlauf, auch keine Holztäfelungen. Stattdessen geht es bunt und lebhaft zu, im Eingangsbereich des easyCredit-Hauses – wie auf dem Plärrer, unserem Verkehrshauptknotenpunkt, würden wir Nürnberger sagen. Und das soll die Lobby wohl auch sein, denn sie liegt nicht am Rande des Gebäudes, sondern mitten drin.

Das Bild wiederholt sich auf den anderen Stockwerken, die nach dem gleichen Prinzip aufgebaut sind: Im Zentrum des Komplexes befinden sich die sogenannten Malls, mit Kaffeeküchen und Sitzgruppen, locker angeordnet und mit viel Liebe zum Detail ausgestattet. Drum herum sind die Arbeits- und Besprechungsplätze angeordnet, die Home-Zones. In ihnen geht es deutlich ruhiger zu, Teppiche dämpfen die Geräusche, man spricht automatisch in gedämpfter Lautstärke. Feste Büros oder Schreibtische gibt es nicht, jeder Mitarbeiter sucht sich nach Bedarf einen Platz zum Arbeiten. Lediglich ein Schrank, der Platz für die persönlichen Gegenstände bietet, ist jedem fest zugeordnet. Das gilt für alle Hierarchieebenen. Statussymbole und Privilegien wie Eckbüros, Chefsessel oder Vorzimmer haben hier keinen Platz. Wenn ich mich so umschaue, könnte ich auf den ersten Blick nicht sagen, wer hier Abteilungsleiter und wer Praktikant ist. In der Hand halten viele Leute ein Notebook mit Kopfhörern. „Wir haben unseren Computer und unser Telefon immer dabei“, erklärt mir Catharina Lempert, die in der Personalentwicklung arbeitet. Wie auf Kommando, klingeln ihre Kopfhörer leise. Später beobachte ich einen Mann – ebenfalls mit Kopfhörern ausgestattet, der in der Kaffeeküche sagt: „Ich bin gerade im zweiten Stock, wo bist du? Ich komme kurz vorbei.“ Man findet sich also, auch wenn man nicht mehr weiß, an welche Tür man dafür klopfen muss – Türen gibt es ohnehin fast keine mehr…

easyCredit Arbeitswelten

Eine Ruhezone in der easyCredit Arbeitswelt

Obwohl die Atmosphäre in den Home-Zones relativ ruhig ist, hat man das Gefühl, dass viel Kommunikation stattfindet. Die Besprechungsräume sind durch Glaswände abgetrennt, so dass man die Menschen miteinander reden sieht, aber nicht hört. Die Räume selbst sehen nicht aus wie das, was man sich normalerweise darunter vorstellt; eher wie Ausstellungsflächen aus dem Möbelhauskatalog. Manche sind mit Sofas und Sesseln, andere mit Holztischen und fast alle mit Fernsehern ausgestattet, die jedoch in Wahrheit große Bildschirme sind, über die alle Anwesenden gemeinsame Dokumente ansehen können. Auch Video-Konferenzräume gibt es, die den Austausch mit anderen Häusern ermöglichen, ohne dass dafür lange Reisen angetreten werden müssen.

Als Besucher gefällt mir das Konzept sehr gut und verglichen mit dem, was ich aus meiner Bürozeit an Arbeitsplätzen kenne, würde ich persönlich dieses Arbeitsumfeld vorziehen. Ich kann mir aber auch sehr gut vorstellen, dass es dazu andere Ansichten gibt und frage nach: „Wie haben Sie denn alle 550 Mitarbeiter davon überzeugt, ihren traditionellen Büros Lebewohl zu sagen?“

Die Antwort lautet: Gute Vorbereitung, langfristige Planung und ein behutsames Change Management mit viel Dialog, Einbindung und sogenannten Learn-Cafés . So wurden zunächst Umfragen durchgeführt und Bedarfe (z.B. wie viele Schreibtische und wie viele Laufmeter Aktenordner werden tatsächlich benötigt?) ermittelt. Nachdem der Umzug und Neubau beschlossene Sache war, wurden die Mitarbeiter in der alten Firmenzentrale laufend über die Fortschritte informiert. Auf der Baustelle gab es eine Webcam, die die Bauabschnitte dokumentierte, auch Baustellenbesichtigungen waren im Rahmen von Mitarbeiterreportagen möglich. Die neuen Büromöbel wurden in der alten Lobby ausgestellt, Farben, Formen und Ausstattung offen diskutiert. Das oberste Ziel war, neue Impulse zu setzen, dabei alle Mitarbeiter mitzunehmen und gleichzeitig die neue Umgebung den Bedürfnissen anzupassen. Zugleich sollten Kreativität und Innovation gefördert werden, was nachweislich dann am besten funktioniert, wenn unser Gehirn immer wieder mit neuen Eindrücken versorgt wird. Wenn wir nicht jahrelang immer nur das gleiche sehen, den gleichen Schreibtisch, den gleichen Blick aus dem Fenster, die gleichen Kollegen nebenan.

Für alle, die gerne im Grünen sitzen

Hier kann man im Grünen sitzen…

Kein Zweifel – easyCredit hat viel dafür getan, dass sich die Mitarbeiter in ihrem neuen Arbeitsumfeld wohl fühlen. Neben den hellen und modernen Schreibtischen und Besprechungsräumen gibt es Ruheräume mit Massagesesseln, die echtes Spa Feeling verbreiten, Themenlounges, die zum lockeren Austausch oder einfach zum Arbeiten fernab des Schreibtisches einladen, eine Dachterrasse, ein Fitnessstudio und einen Yogaraum sowie ein Eltern-Kind-Büro (das auch tatsächlich gerade von einem Vater mit seinem Sohn genutzt wird). Kritiker könnten hier natürlich die Vermutung anstellen, das alles diene in erster Linie dazu, die Mitarbeiter rund um die Uhr an das Unternehmen zu fesseln, doch darauf erhalte ich eine klare Absage: „Um 20 Uhr werden alle Räumlichkeiten abgesperrt. Wir wollen, dass unsere Mitarbeiter abends nachhause gehen.“ Worauf meine nächste Frage lautet: „Haben Sie bei all den Annehmlichkeiten keine Angst, dass bald keiner mehr Lust und Zeit zum Arbeiten hat?“ Doch auch hier, negativ: „Wir haben seit langem die Vertrauensarbeitszeit eingeführt und jeder Mitarbeiter hat seine Aufgaben und Ziele. Die gilt es zu erfüllen.“ Und dabei ist es wohl egal, ob die Arbeit auf dem Sofa, dem Terrassenstuhl oder beim Kickern stattfindet.

... oder auch im Blauen.

… oder auch im Blauen.

Mein Fazit – ich bin wieder einmal bestätigt worden: Geht nicht, gibt’s nicht. Was bei einer Bank möglich ist, ist auch bei vielen anderen Dienstleistern machbar, wenn man nur will. Dabei sind die immer wieder vorgeschobenen Ängste – die Leute arbeiten zu wenig, weil sie zu viel Ablenkung haben oder die Leute arbeiten zu viel, weil sie nicht mehr nachhause gehen wollen – unberechtigt. Das Ziel muss sein, Mitarbeitern eine Umgebung zu schaffen die es ihnen ermöglicht, ihr Bestes zu geben. Und nicht darüber nachzudenken wie es möglich ist, das Meiste aus seinen Mitarbeitern herauszuholen.

4 Gedanken zu “Ausflug in die Zukunft der Arbeitswelt II: Wie cool kann eine Bank sein?

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