Bringt Industrie4.0 die Arbeit zurück nach Deutschland?

Versuchen Sie mal, in Ihrer Schreibtischschublade, in Ihrem Kleiderschrank oder in Ihrer Küche einen Gegenstand zu finden, der nicht in Asien hergestellt ist. Gar nicht so einfach, nicht wahr? Ob es uns gefällt oder nicht – wir haben uns mehr oder weniger damit abgefunden, dass alle möglichen Produkte in China, Bangladesch oder Kambodscha hergestellt werden. Auch wenn uns die Berichte über die oftmals unmenschlichen Arbeitsbedingungen immer wieder schockieren. Doch bietet vielleicht gerade die Industrie4.0 die Möglichkeit, dass auch in Deutschland wieder mehr produziert wird?

sewing-318510_1280

Im Rahmen der #Blogparade „Industrie 4.0: Chancen, Risiken, Ideen und Umsetzungen – was hat Deutschland zu bieten?” von Melanie Vogel und dem Ingenieurversteher habe ich mir darüber mal ein paar Gedanken gemacht.

Durch die zunehmenden Möglichkeiten, Mensch und Roboter zusammenarbeiten zu lassen, ist durchaus damit zu rechnen, dass Unternehmen ihre Produktion aus dem fernöstlichen Ausland zurück nach Europa verlagern. Denn auch in Fernost steigen die Lohnkosten und die bisherigen Einsparungen wiegen die Defizite in der Qualität und Flexibilität häufig nicht mehr auf. Hinzu kommen Währungsschwankungen, Transportkosten sowie der häufig noch recht mangelhafte Ausbau der Infrastruktur und die Unzuverlässigkeit der Stromnetze. Gut ausgebildete Fachkräfte siedeln sich darüber hinaus lieber in Wolfsburg, Herzogenaurach oder Ludwigshafen an als in Shenyang, Chengdu oder Guangzhou. Schon heute ist die Verlagerungsquote ins Ausland die niedrigste seit 20 Jahren, während gleichzeitig bis zu 400 deutsche Firmen jährlich ihre Produktion zurück ins Bundesgebiet holen. Zu den Rückkehrern gehören unter anderem der Spielzeughersteller Steiff, der Kettensägenfabrikant Stihl und der Haushaltswarenproduzent Fackelmann.

Wieder einmal könnte es übrigens die Textilindustrie sein, die hier eine Vorreiterrolle übernimmt und die Weltordnung der Produktion in neue Bahnen lenkt. Denn die Verbindung von Technologie und individuellen, im wahrsten Sinne des Wortes „maßgeschneiderten“ Produkten schafft gänzlich neue Möglichkeiten. So tüftelt die Adidas-Gruppe an einem völlig neuen System, der sogenannten Speedfactory. Bewahrheiten sich die Vorstellungen der Konstrukteure, dann könnten künftig in kleinen, weitgehend automatisch arbeitenden Fabriken Turnschuhe maschinell aus Kunststofffasern hergestellt werden – genau nach den Wünschen der Kunden, als sogenannte „individualisierte Produkte“. Adidas-Forschungschef Gerd Manz will damit „näher an die Kunden heranrücken und die Ware dort fertigen, wo die Käufer sind. Ziel ist es, flexibel, lokal und auf kleinstem Raum zu produzieren“. Neben dem Anstieg der Lohnkosten in Asien spricht die Zunahme von weltweiten Handelshemmnissen dafür, die Ware künftig nicht mehr ausschließlich in Fernost herstellen zu lassen. Lieber will der Sportartikelhersteller künftig an jedem beliebigen Ort produzieren können und damit unabhängiger von Arbeitskosten und Regularien werden. Hinzu kommt, dass die Marke mit den drei Streifen näher am Kunden sein und ihm auch individualisierte Produkte anbieten möchte, was bisher bei den großen Stückzahlen in Asiens Fabriken kaum möglich war. Dieser Trend könnte der Vorreiter eines anstehenden Paradigmenwechsels in der industriellen Produktion sein: Von den riesigen Produktionsstätten in Asien hin zu einem Netzwerk aus kleinen Fabriken, die weltweit verstreut sind. Adidas mag mit der Speedfactory nur den Anfang machen, aber vielleicht werden andere bald folgen.

Wer sich nun auf die Schaffung neuer Arbeitsplätze im großen Stil freut, wird allerdings enttäuscht werden. Mehr Produktion in Deutschland bedeutet nicht zwangsläufig mehr Jobs, denn die neuen Fabriken kommen mit immer weniger Arbeitskräften aus. Das können wir – wie so vieles im Zusammenhang mit der neuen Arbeitswelt – gut finden oder nicht. Ändern werden wir es kaum.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s