„Make America Great Again“ – Wenn die Angst vor der Zukunft die Wahl entscheidet

„Wie konnte das passieren?“ fragen sich Amerika und der Rest der Welt nach dem Wahlsieg Donald Trumps. „Und was lernen wir daraus?“

Als leidenschaftliche Amerikanistin und Politikwissenschaftlerin verbringe ich diese Woche in Washington, wo ich zunächst noch für Hillary Clinton in den Wahlkampf gezogen bin und nun nach Antworten auf die drängendsten Fragen suche.

Und während es sicherlich viele Begründungen gibt und eine einzige Antwort wahrscheinlich auch nie ausreichen wird, drängt sich mir vor allem eine Beobachtung auf:

Die Wahl Trumps ist ein Aufschrei der Angst. Angst einer beträchtlichen (wenn auch nicht mehrheitlichen, wie wir wissen) Gruppe von Menschen, die sich vom Wandel und den Veränderungen in ihrem Land und auf der Welt bedroht, überrollt oder gar abgehängt fühlen.

Leute, die aus dem Wunsch heraus handeln, die Uhr anzuhalten oder gar zurückzudrehen, in die guten alten Zeiten.

Ich selbst war am Montag noch in Virginia auf Wahlkampftour und habe – wie in den USA üblich – an Haustüren geklopft und die Menschen ermutigt, zur Wahl zu gehen. Dort, in einem der zehn reichsten Landkreise Amerikas, wo wie Menschen riesige Häuser besitzen, lange Einfahrten zwischen weißen Zäunen zu Garagen für sechs Autos führen, dort also, wo der Geldadel zuhause ist, das sogenannte „Old Money“ und bestimmte keiner um sein Einkommen und Überleben bangen muss, habe ich überraschend viele Trump Schilder in den Vorgärten und Fenstern gesehen. Eine Bekannte von mir kommt aus dieser Gegend und ich habe mich lange mit ihr darüber unterhalten, welche Abwägungen sie und ihre Familie zur Wahl Trumps animiert haben.

Auch hier war es – die Angst. Nicht vor Armut oder Jobverlust, wie es in den alten Industriestaaten des mittleren Westens der Fall ist, sondern vor dem Verlust ihrer Vormachtstellung. Ihrer Privilegien. Ihres Einflusses und ihrer Kontrolle darüber, in welche Richtung sich das Land bewegt. Und genau diese Ängste sind es doch auch, die häufig dem Fortschritt und Wandel in unserer Gesellschaft und Arbeitswelt entgegenstehen. Die die Menschen dazu bewegen, die Uhr anzuhalten zu wollen oder gar zurückzudrehen. Wenn sie den Wandel nicht annehmen, sondern sich ihm entgegenstellen. Ja, wenn sie glauben, dass die besten Zeiten bereits hinter ihnen liegen und die Zukunft für sie nichts Gutes verheißt.

Donald Trumps Kampagne war vor allem darauf aufgebaut. Auf der Angst vor Veränderungen und Fortschritt und dem Glauben daran, dass man die Entwicklungen tatsächlich aufhalten oder gar rückgängig machen kann.

Dass man die alte Industrie im mittleren Westen retten kann, indem man das Land gegen Einflüsse und Waren von außen abschottet. Dass man die weiße Vormachtstellung halten kann, indem man die Wanderungsströme dieser Welt anhält und damit Zuwanderung ins eigene Land verhindert. Und dass alte, weiße Männer verhindern können, dass ekelhafte Frauen („nasty women“) ihnen das Ruder aus der Hand nehmen.

Die Abschlusskundgebungen der beiden Kandidaten am Montagabend machten dies noch einmal mehr als deutlich und fassten zusammen, worum sich dieser Wahlkampf in erster Linie gedreht hatte. Hillary Clintons Kampagne war aufgebaut auf Zuversicht, Hoffnung, Fortschritt, Vielfalt und Zusammenhalt. Sie versuchte, ihren Anhängern vor allem Mut zu machen und endete ihre letzte Wahlkampfrede mit den Worten

„Ich bin davon überzeugt, dass unsere besten Tage noch vor uns liegen“.

Trump hingegen adressierte noch einmal die Ängste seiner Unterstützer und prophezeite, dass sich das Land unter Clinton weiter in eine Richtung entwickeln würde, die viele (weiße, männliche und über 50-jährige) Amerikaner ablehnten. Allein schon sein Wahlkampfslogan „Make America Great Again“ signalisierte, dass er und seine Anhänger sich die guten alten Zeiten zurückwünschen.

Seine Versprechen basierten auf der Ablehnung des Fortschritts, dem Festhalten am Alten und vor allem dem Glauben, dass man dies tatsächlich tun könnte.

Wir alle, die sich mit Themen wie Wandel und Zukunft beschäftigen wissen, dass das nicht möglich ist. Dass man die Uhr niemals anhalten oder gar zurückdrehen kann. Das der Wandel um uns herum passiert, egal ob wir das gut finden oder nicht und dass wir ihn entweder annehmen und in unserem Sinne mitgestalten können, oder dass wir von ihm überrollt werden.

ABER, und das zeigt diese Wahl ganz deutlich: Wir müssen uns noch viel mehr als bisher darum bemühen, dies zu kommunizieren. Aufzuklären, Möglichkeiten aufzuzeigen, wach zu rütteln und vor allem die Menschen mitzunehmen, ihnen Mut zu machen und Optimismus zu verbreiten. Wenn uns das nicht gelingt – und ich glaube tatsächlich, wir haben bisher zu wenig Zeit und Energie darauf verwendet – dann werden wir auch in unserer Gesellschaft und unserer Arbeitswelt ein Klima der Angst und Abwehr erzeugen.

5 Gedanken zu “„Make America Great Again“ – Wenn die Angst vor der Zukunft die Wahl entscheidet

  1. Cornelia schreibt:

    Liebe Isabelle,

    Danke für deine Einblicke, die ich gerne gelesen habe! Es ist so wichtig zu verstehen, zumindest im Ansatz, was zu diesem Wahlergebnis geführt hat. Nur dann hat man eine Chance, konstruktiv zu diskutieren und Einfluss zu nehmen. Es ist quasi ein Lehrstück für die Situation in D, natürlich nicht direkt vergleichbar. Jedoch stehen auch wir unter den aktuellen Strömungen hier vor der Sorge, wohin sie uns ab Herbst 2017 führen werden.

    Hast du von der „Offene Gesellschaft“ gehört? Dort engagieren sich viele, die verstehen, begreifen und vor allem agieren wollen.

    Und, ja, auch der Wandel in der Arbeitswelt führt zu einer ‚Spaltung‘. Viele, die mitten drin sind und ihr so neugierig und spielerisch begegnen, mit gestalten. Und viele, die das Alte festhalten. Das führt zu Konflikten, Reibungsverlusten und wird zunehmend Thema für Führung und Zusammenarbeit.

    Kotter sagt u. a. „Change is communication „. Ich meine, eine kluge, umsichtige, wahrlich inspirierende Kommunikation auf Augenhöhe ist die Brücke zwischen denen, die das Alte bewahren und denen, die das unaufhaltsame Neue gestalten. Bleiben wir am Ball und leisten unseren kleinen Beitrag.

    Viele Grüße, Cornelia

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  2. Lydia schreibt:

    Sehr spannend etwas von jemandem zu lesen, der selbst vor Ort war. Ich denke auch nicht, dass es nur den einen Grund für Trumps Sieg gibt. White privilege zu bewahren ist sicher einer, aber es kamen einfach zu viele Dinge zusammen. Ich habe auch etwas dazu geschrieben, falls es Dich interessiert. LG, Lydia

    Gefällt 1 Person

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